Chronik des Abendgymnasiums

Chronik des Berliner Abendgymnasiums, 1927 - 2002

1927

10. Mai: Gründung des "Vereins zur Förderung des Berliner Abendgymnasiums" durch Prof. Dr. Peter Adalbert Silbermann.

1. September: Beginn des Unterrichts mit 115 Hörern (aus 2000 Bewerbern ausgewählt) und 10 Lehrern in den Räumen des Städtischen Luisen-Oberlyzeums in Berlin N 24, Ziegelstr. 12 (Nähe Bahnhof Friedrichstr.).

9. September: feierliche Eröffnung. Status der Schule: Privatschule mit dem Lehrplan einer Deutschen Oberschule in Aufbauform.

1929

Umzug der Schule in die Räume des Städtischen Mommsen-Gymnasiums, Wormser Str. 11 (Nähe Wittenbergplatz).

1930

Mai: erste Reifeprüfung; von 26 Prüflingen bestehen 23.

25. Juni: Die Schule wird in die Verwaltung der Stadt Berlin übernommen.

1933

Prof. Dr. Silbermann und drei weitere Lehrkräfte werden von den Nationalsozialisten fristlos entlassen. Die Leitung der Schule übernimmt Dr. Gotthilf Stecher.

1938

Dr. Franz Müller übernimmt die Leitung der Schule.

1939

Das Berliner Abendgymnasium (BAG) erhält ein eigenes Gebäude in der Kolonnenstr. 23 in Schöneberg.

1943

Wegen der Bombenangriffe ziehen Lehrer und Hörer des BAG nach Nikolassee in die Dreilinden-Schule um. Einige Klassen werden nach Bad Salzschlirf verlegt (Kriegsblinde). Kommissarische Leitung der Schule: O. Hartung.

Die Widerstandskämpferin Mildred Harnack-Fish, von 1932 bis 1936 am Berliner Abendgymnasium tätig als Englischlehrerin, wird hingerichtet.

1944

Vom Frühjahr ab findet der Unterricht überwiegend in der Schadow-Schule statt

1945

und im Februar das letzte Abitur vor dem Zusammenbruch Deutschlands.

1948

9. Februar: Wiedereröffnung des AGs im Sowjetischen Sektor von Berlin in der Max-Planck-Schule in der Auguststr. (Nähe Oranienburger Tor) unter dem Namen "Berliner Oberschule für Berufstätige"; Leitung: Dr. Fritz Roepke.

1949

Die Spaltung Berlins führt auch zu einer Spaltung der Schule. Ein kleinerer Teil der Lehrer- und Hörerschaft bleibt im Sowjetischen Sektor. Der größere Teil führt den Unterricht in der Cecilien-Schule am Nikolsburger Platz in Wilmersdorf fort.

1950

Von August an Unterricht in der Friedrich-Ebert-Schule in Wilmersdorf, Am Volkspark 36 (heute: Blissestr. 22); Schulleiter: Dr. Hans Rochocz. Die Schule erhält den Namen Peter-A.-Silbermann-Schule (PAS: Berliner Abendgymnasium für Berufstätige).

1962-1965

Die Anzahl der Klassen der PAS verdoppelt sich von 10 auf 20; Leitung: Frau Schulrätin Else Kähne,

1966

Die Leitung wird von OStD Dr. Erich Günther übernommen.

1970

Mai/Juni: Siebenwöchiger Unterrichtsboykott des größten Teils der Hörerschaft wegen Überfüllung der Klassen und der daraus resultierenden schlechten Lernbedingungen; z.T. selbstorganisierter "Gegenunterricht".

Neuorganisation der Schule durch neue Ausführungsvorschriften; Leitung der Schule: OStD Werner Laude.

1971

Mit Beginn des Wintersemesters Zunahme der Hörerzahl und Vergrößerung des Lehrerkollegiums; Hinzunahme eines zweiten Schulgebäudes (Goethe-Gymnasium in der ca. 8 Gehminuten entfernten Gasteiner Str., Nutzung bis 1996).

1977

Im September begeht die Peter-A.-Silbermann-Schule ihr 50jähriges Jubiläum.

1979

Die "Vereinbarung der Kultusministerkonferenz über die Neugestaltung der Abendgymnasien" erscheint am 21. Juni. Bereits seit Anfang des Jahres erarbeiten ständige Fachkommissionen aus Vertretern der Einrichtungen des Zweiten Bildungsweges Arbeitspläne für die einzelnen Fächer.

1980

Nach jahrelangen Bemühungen der PAS um ein eigenes Schulgebäude versucht der Senator für Schulwesen das Abendgymnasium in der Weddinger Böttgerstr. anzusiedeln. Aufgrund des Widerstands des Kollegiums und der Hörerschaft gegen eine solche Randlage in den Berliner Westsektoren wird das Projekt eines eigenen Gebäudes bis zu einer besseren Lösung zurückgestellt.

1981

Am 1. Oktober treten die neuen Ausführungsvorschriften für den Zweiten Bildungsweg in Kraft. Im Dezember übernimmt Frau Dr. Adelheid Kirscht die Leitung der Schule.

1984

wird zum ersten Mal das Abitur nach den Bestimmungen über die reformierte Oberstufe abgelegt nach Einführung des Kurssystems zwei Jahre zuvor.

1986

Schulleiter der PAS wird Herr OStD Hermann Josef Weber.

1987

Am 1. August tritt die Verordnung über Kollegs und Abendgymnasien (VO-KA), u.a. mit geänderten Stundentafeln, in Kraft.

1988

Anlässlich der Tagung von IWF und Weltbank in Berlin veranstaltet die PAS eine Podiumsdiskussion, an der namhafte Vertreter der Landeszentralbank, der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit und von Terre des Hommes teilnehmen.

1991

Besuch des Schriftstellers Konrad Merz, der 1932 am Berliner Abendgymnasium das Abitur abgelegt hat. Er liest aus seinen Werken und diskutiert mit den Hörern über seine literarischen Absichten, seine Schulzeit, seine Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und sein Leben im holländischen Exil.

Gründung eines zweiten Abendgymnasiums in Berlin im Bezirk Prenzlauer Berg, wodurch der Einzugsbereich der östlichen Bezirke abgedeckt wird.

1995

Rede von Bundeswirtschaftsminister Dr. Günter Rexrodt vor den Hörern der PAS mit anschließender Diskussion.

1996

übernimmt Herr StD Gerhard Melde die Leitung der PAS (komm. Schulleiter). Bestrebungen der Behörde, die beiden Berliner Abendgymnasien zu fusionieren, werden mit Protesten der Lehrerkollegien und der Hörerschaft, die zwei dezentrale Standorte favorisieren, abgewehrt.

1998

feiert die PAS ihr 70jähriges Bestehen mit einer Podiumsdiskussion der Schulpolitischen Sprecher des Berliner Abgeordnetenhauses.

2002

Die Peter-A.-Silbermann-Schule wird fündundsiebzig.

 

Peter Adalbert Silbermann

(* 8.12.1878 - † 1.4.1944)

Die Rekonstruktion des Lebenslaufes eines deutschen Juden ist schwer. Meist sind seine Verwandten in alle Länder zerstreut und seine Freunde tot; zwar wird sein Andenken bewahrt, aber seine Werke und amtliche Daten sind durch die braunen Machthaber eliminiert worden.

Peter Adalbert Silbermann wurde am 8.12.1878 in Görlitz als Sohn des selbständigen Kaufmanns Ernst Silbermann und seiner Ehefrau Alma geboren. Der Vater starb, als der Junge noch nicht in die Schule ging, und die Mutter übernahm die Erziehung des Knaben. Dies geschah in einer ausgesprochenen Übergangszeit; es war ein gärendes, drängendes, höchst vielseitiges Ensemble widerstreitender Potenzen: Die Attentate auf den Kaiser, die Verkündung des Sozialistengesetzes zeigten den Beginn der eigentlichen Geschichte des modernen Klassenkampfes in Deutschland an. In dieser Zeit wird Silbermann Zögling des stockkonservativen Königlichen Französischen Gymnasiums in Berlin, einer Schule, die die Hochburg bürgerlicher Eliten war. 1897 wird der junge Silbermann von der Königlichen Abiturientenprüfungscommission auf die Universität entlassen unter "Anwünschung des göttlichen Segens". Er studierte neun Semester germanische Philologie, Philosophie, Kunstgeschichte und Romanistik und promovierte am 14.5.1902 in Berlin magna cum laude mit einer Arbeit über Ernst Schulzes "Bezauberte Rose", eine romantische Erzählung in drei Gesängen.

Mit der Erwachsenenbildung kam er schon sehr früh in Berührung: an der Handelsakademie und Hochschule in Brünn unterrichtete er nach seinem Abschluss für zwei Jahre. 1905 entschied er sich endgültig, Lehrer zu werden, und legte in Berlin die Prüfung für das Höhere Lehramt ab. Stolz berichtet er: "[...] ich bekam die Fakultas für Deutsch, Französisch und philosophische Propädeutik, in allen drei Fächern für die Oberstufe."

In den schweren Jahren der erziehungswissenschaftlichen und politisch-pädagogischen Umwälzungen von 1907 bis 1913 verrichtete er in Berlin seinen Dienst. Jahre des stillen Wachsens können es nicht gewesen sein, denn gerade in seinen Fächern beginnt der Strukturwandel in die Moderne des 20. Jahrhunderts hinein. Aber auch der pädagogische Wandel, die Gründung der Lessing-Hochschule und des Volksbundes, deren Bildungsideen ihn selbst tief ergriffen und seiner Pädagogenlaufbahn die Richtung gegeben haben mögen, gehört in diese Jahre.

Seine menschliche Konzilianz, seine urban-kulturelle Aufgeschlossenheit und seine schriftstellerischen Gaben zeichneten ihn so aus, dass das preußische Kuktusministerium ihn dem Auswärtigen Amt empfahl, als es galt, dem deutsch-französischen Bankabkommen zum Bau der berühmten Bagdadbahn, die von Konya über Adana, Bagdad und Basra zum Persischen Meerbusen führen sollte, durch die Einrichtung einer deutschen Schule in Adana auch eine kulturpolitische Grundlage hinzuzufügen. So wird der 35jährige Peter A. Silbermann Direktor einer noch nicht bestehenden deutschen Schule in der kleinasiatischen Türkei. Hier zeigt er zum ersten Male sein Doppeltalent, das ihn bei seiner späteren Arbeit auszeichnete. Der Praktiker und Wissenschaftler verband sich in ihm mit dem Organisator und Finanzmann. Die Mischung dieser Gaben war so auffallend und bedeutsam, dass der junge Silbermann 1917 in den diplomatischen Dienst des Auswärtigen Amtes übernommen wurde.

1920 rief ihn das preußische Kultusministerium nach Berlin zurück. Die Stadt, die einst Repräsentant des Wilhelminismus war, ist jetzt eine Metropole der Arbeitslosigkeit, Tummelplatz dunkler Existenzen und des jungen Expressionismus. Durch die Trennung von Staat und Kirche war auch die Erziehung und mit ihr das gesamte Schulwesen in Bewegung geraten. Silbermann entschied sich für eine liberal-humanitäre Pädagogik, wie er sie in der Arbeit des Volkskraftbundes Berlin fand. Von 1920 bis 1925 leitete er zusammen mit anderen die volksbildnerische Abteilung dieses Bundes. Wieder tritt seine Doppelbegabung hervor: er pachtet das Deutsche Opernhaus und treibt Erwachsenenbildung durch gezielte Aufführungen, literarische Vorträge und philosophische Diskussionen. Hier kommt er mit den vielen bildungshungrigen Menschen zusammen, die ihm in nichtendenwollenden Gesprächen von ihren zerbrochenen Hoffnungen und Berufsplänen berichten, und er spürt, dass die geschichtliche Situation des Vaterlandes unübersehbare Kräfte brachliegen ließ, die gerade in der Zeit des Aufbaus dem neuen Staate fehlen würden.

Mit der Entschiedenheit des Gestalters tritt er wieder in den preußischen Schuldienst ein, das Ministerium übernimmt ihn 1925 als Titularprofessor und es gelingt ihm, seine Ideen so überzeugend vorzutragen, dass er schon im Herbst 1926 im Auftrage des Ministeriums nach New York reist, um die amerikanische Erwachsenenbildung, insbesondere die Evening High Schools, an Ort und Stelle zu studieren.

Das Schillersche Wort "[...] aus dem Boden stampfen", so oft trivial gebraucht, auf ihn ist es anwendbar: Seine Oberzeugungskraft, seine fundierten Kenntnisse, sein diplomatisches Geschick, die geeigneten Kreise zu aktivieren, machen die Gründung seines "Abendgymnasiums für Berufstätige" möglich. In seinem Selbstporträt von 1931 schreibt er bescheiden: "[...] weilte vom Herbst 1926 bis Januar 1927 in USA und gründete im Frühjahr 1927 das Berliner Abendgymnasium, das ich seit dieser Zeit leite." In rastloser Organisation baut er seine Schule auf, sucht sich mit sicherem Griff seine Mitarbeiter, gibt 1928 seine Schrift "Das Abendgymnasium" heraus, die eine Grundlage für die Ökonomie, pädagogische Idee und didaktische Praxis bietet. Die von ihm angeregten Untersuchungen Bobertags zeigen, dass der berufstätige Mensch in der Lage ist, gezielt zu lernen, und das im Jahre 1930 erstmals abgenommene Abitur unter dem Vorsitz des gestrengen Ministerialrats Prof. Dr. Metzner liefert die überzeugenden Beweise. Silbermann verstand es, Unterrichtsstoff und Unterrichtsform seinen Schülern anzupassen und nicht umgekehrt die Schüler "seinem Gymnasium". Seinem Modell folgend, entstanden in anderen Teilen des Reiches "Silbermann-Schulen".

1933 wird er, wie so viele andere seines Formats, fristlos entlassen.

Er verließ Deutschland noch im Jahre 1933 mit seiner Frau und ging zunächst nach Rom. Dort wurde er an der Universität Lektor für Deutsch. Da er schon 1915 in der Türkei durch seine Kinder auf die Idee gekommen war, dass eine fremde Sprache am besten nach der direkten Methode zu erlernen sei, bediente er sich dieser nun in Italien und fand bei den Italienern Begeisterung dafür. Unter dem Pseudonym Peter Olman veröffentlichte er 1935 für die Deutsch lernenden Italiener "Ein Mädchen reißt aus", 1936 "Der Onkel aus Amerika" und schrieb "Geschichten um Goethe".

Infolge des sogenannten Kulturabkommens zwischen Italien und Deutschland verschlechterte sich 1938 die Situation für Prof. Silbermann, und er entschloss sich im selben Jahre, Italien zu verlassen. Er verließ Europa für immer. Die Einreise in die USA wurde ihm und seiner Frau dadurch erleichtert, dass sein Sohn sich bereits seit den zwanziger Jahren in den USA befand und dort die amerikanische Staatsbürgerschaft erworben hatte. Aber Prof. Olman, wie er sich nun nannte, konnte in der neuen Heimat als Lehrer nicht mehr Fuß fassen. Da er sein Abitur dereinst auf dem Französischen Gymnasium in Berlin gemacht hatte, war ihm das Englische für seine Lehrtätigkeit nicht hinreichend geläufig. Der Existenzkampf zwang das Ehepaar Olman dazu, alles mögliche zu versuchen, um sich über Wasser zu halten. 1939 erschien von Peter Olman "Der Onkel aus Amerika" in New York. Seine Frau Dr. Eva S. Olman bewahrte noch die unveröffentlichte Schrift "Die Feinde", an der Peter Olman bis zu seinem Tode gearbeitet hat.

Nachdem er 1941 einen Herzinfarkt überstanden hatte, starb er am 1. 4. 1944 in Hollywood und wurde dort beerdigt.

 

 

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